In Gimmewald haben die meisten Häuser einen grossen Teil ihres ursprünglichen Charakters behalten, obwohl sie Laufe der Jahre umgebaut und renoviert worden sind. Einige wenige Häuser konnten sich aber beinahe unverändert in unsere Zeit hinüberretten. Eines dieser Häuser ist das Blattenhaus. In dem typischen Gimmelwalderhaus wohnte die 84-jährige „Blattenrosa“, Frau Rosa Brunner.
Das Haus steht auf festen Grundmauern. Diese umgeben den Keller, dessen Boden naturbelassen ist, also aus festgestampfter Erde besteht. So bleibt der Keller feucht, und das Gemüse und die Kartoffeln, die hier gelagert werden, trocknen nicht aus. Der Rest des Hauses besteht aus Holz. Dieses stammt meistens von der Schattseite von „Busen“, einer Alp, die eine Fussstunde von Gimmelwald entfernt ist. Da Bäume auf der Schattenseite langsamer wachsen, liegen die Jahrringe enger beieinander. Das Holz wird fester als schnellwüchsiges Holz, das man im Wald oberhalb des Dorfes fällen könnte. Die Bäume mussten mühselig ins Sefinental gebracht werden. Hier steht noch heute eine mit Wasser angetriebene Sägerei. In ihr wurden die Stämme zu Balken und Brettern gesägt. Anschliessend trugen die Männer das Bauholz auf steilen Pfaden ins Dorf hoch oder liessen es mit Maultieren hinaufbringen. Häufig dauerte es mehrere Jahre, bis das nötige Baumaterial auf dem Bauplatz bereit stand. Die Zimmerleute des Dorfes bauten mit dem zukünftigen Besitzer zusammen das Haus.
Das Blattenhaus dürfte 1872 erbaut worden sein. Ein Sandstein beim Trittofen trägt diese Jahrzahl. Frau Brunner kam hier zur Welt und verbrachte da ihr ganzes Leben. Der Eingang ist überdacht. Unter dem Vordach dient der Scheitstock zum Holzspalten. Selbst heute noch spaltet Frau Brunner Holz zum Anfeuern. In einem Vorraum wird das Holz für das Beheizen des Hauses gelagert.In der Küche ist der alte Kochherd das Zentrum. Von hier aus wurde auch der Trittofen beheizt. Ein im Kochherd eingebautes Gefäss dient zum Aufwärmen von Wasser. Mit einem Becher konnte man dem Behälter heisses Wasser entnehmen und damit das Geschirr reinigen. Der Kochherd besteht nur aussen aus Eisen. Im Innern befindet sich ein Hohlraum, der mit Steinen und Kieseln ausgefüllt ist. Somit musste nur das Eisen mit einem Maultier von Stechelberg nach Gimmelwald transportiert werden. Steine zum Füllen gab es in Gimmelwald genug. In der Küche stehen heute auch ein Elektroherd und ein Kühlschrank. Wenn wir sie entfernen, haben wir eine Küche, wie sie anfangs Jahrhundert in jedem Haus zu finden war.
Von der Küche führt eine Türe in die Wohnstube. In der linken Ecke steht der Trittofen. Er befindet sich ziemlich genau in der Mitte des Hauses, von wo aus er das Wohnzimmer und das über dem Ofen liegende Zimmer beheizt. Der Ofen wurde immer bemalt, und eingemeisselt in einen Sandstein sind die Hausbesitzer mit ihren Initialen verewigt. Die Jahrzahl 1872 verrät uns, wann der Ofen und das Haus gebaut wurden. Die Ofenplatte im Blattenhaus muss einmal defekt gewesen sein. Man sieht, dass ein Hafner die Stelle fachmännisch repariert hat. Auf dem Ofen trocknete Frau Brunner im Sommer Kräuter für einen Tee oder dörrt Früchte für den Winter. Im „Ofenguggeli“ können Speisen warm gehalten oder die Bettflaschen aufgewärmt werden.
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Im Winter kann es in Gimmelwald kalt sein. Es gibt nichts Gemütlicheres, als sich auf einem warmen Trittofen aufwärmen zu lassen. In der Regel erhält man auf dem Ofen die Gesellschaft von Katzen, die diesen warmen Ort auch zu schätzen wissen. Neben dem alten Trittofen steht ein neuer Holzofen. Dieser gibt die Wärme schneller ab als der alte Trittofen.
Auffallend ist die geringe Deckenhöhe. Die Zimmerhöhe beträgt knappe 1.85 cm. Die Leute waren auch vor hundert Jahren keine Zwerge – der Grund liegt einzig und allein darin, dass es viel weniger Energie braucht, um einen kleinen Raum aufzuwärmen, als einen grossen.
Gegenüber dem Ofen befindet sich wie in den meisten Bauernhäusern die Kultecke. Hier findet man zuoberst auf einem Tablar eine Bibel und ein Gebetbuch. Beide stammen aus dem Jahr 1851. An der Wand hängen die Konfirmationsurkunden der Grosseltern von Frau Brunner aus dem Jahr 1861. Der altertümliche Radioapparat nimmt einen zentralen Platz ein. Er lieferte der Familie während Jahrzehnten willkommene Abwechslung und Unterhaltung. Von der Wohnstube aus gelangt man in die Schlafkammer. Dieser Raum wird im Gegensatz zur Wohnstube nicht beheizt. Man schläft hier bei sehr kühlen Temperaturen unter dicken Bettdecken. Um einem Kälteschock zu entgehen, legt man eine warme Bettflasche unter die Decke, bevor man ins Bett geht. Es ist auch leicht verständlich, dass gewisse Leute Nachtmützen anzogen. Frau Brunner meinte aber, dass sie nur gut schlafe, wenn die Luft richtig kalt sei. Sie öffnete sogar noch zusätzlich das Fenster. Die Betten sind auffällig hoch. Ich empfand die Temperatur im Haus als sehr frisch. Während die meisten älteren Leute über kühle Temperaturen jammern, trug Frau Brunner warme Kleider. Ihr Körper ist abgehärtet. Der Schrank im Schlafzimmer wurde von Frau Brunners Mann selber geschreinert. Im Keller befinden sich Frau Brunners wenige Vorräte, die sie für sich alleine noch braucht. In einem vergitterten, für Mäuse unerreichbaren Schrank, wurden hier früher Käse, Kartoffeln, Lauch, Karotten und Kohlrabi sorgfältig gelagert. In einer „Hutte“ sind immer noch Kartoffeln gelagert. Damit die Mäuse auf keine dummen Gedanken kommen, hat Rosa drei Fallen gespannt, in die aber nie eine Maus tappt. Offenbar sind selbst Mäuse lernfähig. Ebenfalls im Kellergeschoss befindet sich die Werkstatt. Hier konnten die Männer Möbel tischlern und Geräte ausbessern. Neben dem Haus steht ein Stall. In ihm hielten Brunners drei Kühe, ein paar Kälber, Ziegen und ein Schwein. Sie bildeten mit verschiedenen grossen Gärten die Lebensgrundlage. Der Garten beim Haus diente der Versorgung mit frischem Gemüse.
Ganz wichtig war der Kartoffelacker. Die Kartoffel war und ist die wichtigste Feldfrucht. Jede Familie hatte mehrere Kartoffeläcker. Heute werden nur noch ein Bruchteil der Kartoffeläcker angebaut. Vor dem Haus, unter dem Dachvorsprung hängte man die Wäsche zum Trocknen auf. Reich wurde mit einer solchen Lebensgrundlage niemand. Schon bald erkannte man, dass der Tourismus einen willkommene Zusatzverdienst versprach. Viele Familien zogen im Sommer in den Keller um und vermieteten ihre Wohnung an Fremde. Brunners bauten den oberen Stock ihres Hauses um und begannen bereits in den 30er Jahren erste Touristen zu beherbergen.
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