Mai

Als Tourist hat man im Mai einen einzigartigen Einblick ins Dorfleben. Während sich im Sommer viele Touristen in unserer Gegend aufhalten, hat man jetzt Gimmelwald für sich. Für die Landwirte beginnt das neue Jahr. Die ganze Familie geht mit Rechen und Kesseln "bewaffnet" auf die Felder. Steine und Laub vom letzten Herbst werden von den Feldern entfernt. Die Männer führen die Jauche aus und reparieren die Zäune.Der Beginn des Bergfrühlings ist immer dramatisch. Über Nacht schiessen Krokusse und Frühlingsenziane aus dem Boden und hunderte von Drosseln picken nach Würmern. Zwischendurch stattet uns der älteste aller Oberländer, der Föhn, einen Besuch ab. Ohne grosse Vorwarnung, sieht man plötzlich über der Ebnefluh eine Föhnwalze entstehen. Senkrecht stürzt sich der Fallwind auf Stechelberg hinunter und braust mit ungebremster Wucht die Felswände hoch. Die Gewalt des Windes ist unglaublich. Vor 15 Jahren verloren 24 Häuser ihre Dächer. Nur wer die Wucht des Föhnes erlebt hat, versteht, wieso die "Einheimischen" diesen Wind fürchten. Bei starken Windböen beginnt es im ganze Haus durch jede Ritze zu heulen und man glaubt, das Haus fliege gleich weg. Besonders anfällig sind Holzstösse, die mit Wellblech gedeckt sind. Selbst unter der Last von schweren Steinen fliegen diese Abdeckungen samt Beschwerung durch die Lüfte. Ich sah Wellbleche, die hunderte von Meter hoch in die Luft getragen wurden. Der Föhn hat auch auf die Psyche der Menschen einen grossen Einfluss. Während die einen Kopfschmerzen bekommen, befinden sich die anderen in einem Föhnrausch. Ich gehöre eher zur zweiten Sorte. Von Schlafen kann keine Rede mehr sein. Ich werde hyperaktiv, und erst wenn der Föhn zusammenbricht, finde ich den erlösenden Schlaf. Nach dem Föhn beginnt es zu regnen oder zu schneien. Da der Föhn ein trockener Wind ist, genügt ein Funke und ein ganzes Dorf brennt innert Stunden nieder.
Deshalb bedeutet dieser Wind für die Männer Föhnwache. Immer zwei Männer gehen in Feuerwehruniform während der Nachtstunden abwechslungsweise durch das Dorf und kontrollieren, ob in sämtlichen Öfen das Feuer gelöscht wurde. Rauchen ist im Freien ebenfalls strengsten verboten. Dank dieser Massnahmen ist bis heute Gimmelwald noch nicht ein Opfer des Föhns geworden. Mürren ist 1928 bei einem Föhnsturm zum grossen Teil abgebrannt. Nebenbei erwähnt sind die Gimmelwalder alle (auch die Frauen) feuerwehrpflichtig. Im April und Oktober finden jeweils während einer Woche je drei Übungen statt. Gegen Ende Mai wird unser Tal paradiesisch schön. Die Enziane, Felsprimeln und Schwefelanemonen und tausend andere Blumen beginnen zu blühen. In jedem kleinen Tümpel beginnen die Frösche und Bergmolche ihr Laichgeschäft. Nur wer einen kleinen Bergmolch genau ansieht, weiss, wie unbeschreiblich schön und farbenfroh unsere Tierwelt ist. Die Steinböcke, die während des Winters die Zeit an den höchsten Graten verbrachten, kommen ganz in die Nähe des Dorfes. Wer Glück hat, findet jetzt die ersten Speisemorcheln. Für die Landwirte beginnt die Feldarbeit. Zuerst müssen die Weiden von Steinen befreit werden. Während das Melken strikte Männerarbeit ist, helfen die Frauen und Kinder beim Steinesammeln mit. Etliche Frauen pflücken auch die zarten Blätter des Löwenzahns. Aus ihnen wird ein herrlicher Salat gewonnen. Gegen Ende Mai beginnen, wie auf einen geheimen Befehl, plötzlich alle Gimmelwalder ihre Kartoffeläcker umzugraben und die Kartoffeln zu setzen. Seit Jahrzehnten werden auf den gleichen Parzellen Kartoffeln und Gemüse gezogen. Eindeutig in den Bereich der Frau gehören säen, jäten, giessen und alle anderen Gartenarbeiten. Mit viel Kenntnis wird selbst das häufig unfreundliche Wetter überlistet.